Manchmal passiert im Leben etwas, das uns komplett überfordert. Das kann „nur“ ein Moment sein oder vielleicht eine toxische Beziehung – beides hinterlässt Spuren. Wenn wir von Trauma sprechen, denken viele sofort an extreme Ereignisse, überwältigende und dramatische Erlebnisse, wie Missbrauch, schwere Gewalt, Unfälle oder lebensbedrohliche Situationen. In der Psychologie spricht man hier vom „Big T Trauma“.

Doch es gibt noch eine zweite Form von Verletzungen – häufig unterschätzt und leider oft normalisiert. Das sogenannte „Small T Trauma“. Wenn du genauer hinschaust, wirst du feststellen, dass wir solche Verletzungen fast alle in der ein oder anderen Art erfahren haben. Hier geht es um Umstände, die sich über längere Zeit wiederholen. Zum Beispiel:

  • nicht gesehen oder ernst genommen werden
  • emotional nicht gehalten oder verstanden werden
  • ständig Kritik oder Ablehnung erfahren
  • sich als Kind allein fühlen mit den eigenen Gefühlen
  • Liebe nur unter Bedingungen bekommen

Ich lehne mich also mit der Behauptung, dass wir eine traumatisierte Gesellschaft sind, nicht zu weit aus dem Fenster – ich schätze mal, dass 80% in ihrer Kindheit solch prägende Erfahrungen gesammelt haben. Wenn wichtige Bedürfnisse nach Sicherheit, Nähe und emotionaler Resonanz immer wieder unerfüllt bleiben, hinterlässt das Spuren im inneren System. Dein Nervensystem kann doch gar nicht in Balance sein, wenn dein Alarmmodus dein „Normalzustand“ war. Wenn du aus reiner Überlebensstrategie Gefühle unterdrückt hast, immer wieder auf deine Schutzstrategien zurückgreifst, dann ist ein Trauma nicht nur das Ereignis an sich - sondern auch das, was es im Nachgang mit dir macht. Retraumatisierung on top!

Wir möchten uns so nicht fühlen, drücken Unangenehmes weg. Was zu überwältigend, beängstigend und gefährlich war, das kapseln wir ab, zum Schutz vor weiteren Verletzungen. Man kann sich das so vorstellen, als würden wir ein Monster in unseren inneren Keller sperren. Dieses Monster steht für all das, was wir nicht noch einmal fühlen wollen: Angst, Ohnmacht, Schmerz, vielleicht auch Wut oder tiefe Traurigkeit.

Also schließen wir die Kellertür fest zu. Das Problem ist nur: Das Monster verschwindet dadurch nicht. Weil wir große Angst haben, dass es wieder herauskommt, verwenden wir einen großen Teil unserer Energie damit, die Tür geschlossen zu halten. Wir vermeiden bestimmte Situationen. Wir kontrollieren uns stark. Wir funktionieren, lenken uns ab oder halten Gefühle auf Abstand. Doch dieses permanente „Dagegenhalten“ kostet Kraft. Die Energie, die eigentlich für Leben, Kreativität oder Freude da wäre, fließt in den Versuch, das Monster im Keller zu halten.

Was hat das nun zur Folge?

Erschöpfung, Stress, depressive Stimmung oder auch körperliche Symptome. Dir fehlt wertvolle Lebensenergie, denn kontinuierliches Kämpfen macht müde. Dauerstress übersäuert den Körper, dein Immunsystem macht nicht das, was es soll usw.

Heilung bedeutet, die Kellertür wieder zu öffnen. Es geht darum zu erkennen, dass das Monster ein verletzter Teil von uns ist. Ein Anteil, der damals keine Möglichkeit hatte, gesehen, gehalten oder verarbeitet zu werden. In vielen psychologischen und spirituellen Ansätzen spricht man hier auch vom „Schatten“ – den Teilen von uns, die wir irgendwann gelernt haben zu verstecken. Doch all das gehört zu unserer Story.

Diese Anteile verschwinden nicht. Sie warten darauf, integriert zu werden. Wenn wir beginnen, ihnen Raum zu geben, passiert etwas Entscheidendes: Wir müssen nicht mehr ständig gegen sie kämpfen. Die Energie, die vorher ins Unterdrücken geflossen ist, wird wieder frei. Heilung bedeutet, wieder ganz zu werden: Erkennen. Akzeptieren. Annehmen. Du bist gut, wie du bist.

  • Mit Licht und Schatten.
  • Mit Stärke und Verletzlichkeit.
  • Mit allem, was zu dir gehört.

Sei mutig. Sei echt. Sei dein eigener Superheld. Irgendwann musst du dem Monster die Tür aufmachen. Wenn du das nicht allein machen magst: ich bin da.

Von Herzen, Nadine