Die Geschichte, die du über deine Vergangenheit erzählst, ist nicht die Wahrheit. 30-50 % von dem, was wir über unsere Vergangenheit erzählen, stimmt überhaupt nicht. Was macht das mit dir?
Wir glauben gern, dass unsere Erinnerungen verlässlich sind.
Dass wir wissen, was passiert ist.
Dass unsere Geschichte feststeht.
Die Psychologie zeigt etwas anderes: Ein großer Teil unserer Erinnerungen ist konstruiert, verzerrt oder nachträglich verändert. Das ist weder Vergesslichkeit, noch Dummheit oder böser Wille - unser Gehirn funktioniert so. Unsere Erinnerung können wir uns nicht vorstellen, wie eine Festplatte. Erlebnisse werden nicht reingepackt und abspeichert und sind dann jederzeit zu 100% wieder abrufbar. Erinnerung ist ein Konstrukt: Jedes Mal, wenn du dich erinnerst, erschaffst du die Erinnerung neu (Elizabeth Loftus). Erinnerungen verändern sich je nach Perspektive, dem aktuellen Selbstbild und außerdem
- durch Zeit
- durch Emotionen
- durch Fragen
- durch Erwartungen
Was bedeutet: Die aktuelle Version deiner Vergangenheit ist gefärbt von dem, wer du heute bist. Dein Gehirn verfälscht die Erinnerungen aus gutem Grund: Es hat kein Interesse an objektiver Wahrheit. Es fragt nicht: „Was ist wirklich passiert?“ Es geht um Überleben, Kohärenz und Sinn. Erinnerungen werden z.B. daran angepasst, dass sie erklären, warum man heute so ist, wie man ist. Das macht einem das Leben deutlich leichter, Erzählungen fühlen sich stimmiger an, müssen es jedoch nicht sein. So wird aus vielen widersprüchlichen Momenten eine runde Geschichte gebastelt. „Ich war schon immer so.“ - „Das war halt meine Rolle.“ - „So lief es bei uns zu Hause.“ Oft kommt es auch zu einer nachträglichen Umdeutung, weil spätere Erfahrungen frühere Erinnerungen verändern. Wenn du heute weißt, dass etwas „toxisch“ war, fühlt sich die Vergangenheit plötzlich schlimmer an. Wenn du heute stabiler bist, wirkt sie harmloser. Was ist jetzt die objektive Wahrheit? Bei starken Emotionen, wie Angst, Scham oder Ohnmacht gehen möglicherweise Details verloren oder die Erinnerungen werden komplett verdrängt. False Memories – erfundene Erinnerungen sind realer, als du denkst.
Studien zeigen, dass Menschen:
- sich an Ereignisse „erinnern“, die nie stattgefunden haben
- Details hinzufügen, die ihnen nur erzählt wurden
- fremde Geschichten als eigene abspeichern
In Experimenten reichten gezielte Fragen, um falsche Kindheitserinnerungen zu erzeugen – inklusive Emotionen, Bilder und Gewissheit.
Wie hilft uns dieses Wissen?
Punkt 1: Falsche Erinnerungen sind dann ein Problem, wenn wir unsere Identität darauf aufbauen.
Wenn du glaubst:
- „Ich war immer zu schwach“
- „Ich musste immer stark sein“
- „Ich war das schwarze Schaf“
- „Ich hatte keine Wahl“
Dann lebst du heute oft noch nach Regeln, die auf einer verzerrten inneren Geschichte beruhen. Das sind deine Glaubenssätze, die heute dein Verhalten lenken.
Punkt 2: Heilung heißt nicht: die Vergangenheit korrekt erinnern, sondern Geschichten loslassen.
Viele Menschen glauben, sie müssten alles erinnern, alles verstehen, alles erklären. Veränderung entsteht nicht, indem du jede Erinnerung analysierst oder „aufarbeitest“. Heilung beginnt dort, wo du aufhörst, dir immer wieder dieselbe Geschichte zu erzählen und anfängst, dich heute anders zu erleben. Mit mehr Sicherheit. Mehr Selbstkontakt. Mehr Wahlfreiheit. Deine Vergangenheit soll und wird nicht verschwinden, doch nicht mehr dein Leben steuern.
Hinterfrage dich:
- Welche Geschichte erzähle ich mir heute?
- Wem dient sie? Wem schadet sie?
- Was fühlt mein Körper dabei?
Du bist nicht deine Geschichte – du bist ihr Erzähler. Du hast die Möglichkeit, deine Geschichte neu zu ordnen. Dabei geht es nicht ums Schönreden, Verdrängen oder Romantisieren, sondern heute erwachsen und präsent darauf zu schauen. Freiheit beginnt dort, wo du dir mehr Spielraum gibst und mit Selbstmitgefühl agierst. Du darfst deine Wahrheit anerkennen – ohne darin zu bleiben, z.B. kannst du dir sagen: „So hat es sich für mich angefühlt. Heute bin ich hier. Heute bin ich sicher. Heute habe ich andere Möglichkeiten.“
Punkt 3: Deine Wahrheit zählt – auch wenn sie objektiv nicht „stimmt“
Verletzung braucht keine Beweise: Wenn du eine Erinnerung mit einem Gefühl verbindest, dann ist dieses Gefühl real. Punkt. Ob etwas objektiv genau so passiert ist oder nicht, ist für dein Nervensystem zweitrangig. Dein Körper reagiert nicht auf Fakten – sondern auf erlebte Bedeutung. Vielleicht wurdest du nicht gesehen. Nicht verstanden. Nicht gehalten. Nicht geliebt – zumindest nicht so, wie du es gebraucht hättest. Ob das objektiv „nachweisbar“ ist, spielt keine Rolle. Wenn dein System das so abgespeichert hat, dann ist das deine Wahrheit.
Es macht jetzt also keinen Sinn die Vergangenheit zu "überprüfen" - die Frage ist nicht: „War das wirklich so?“ Dabei kommt es eher zu einer Re-Traumatisierung. Die bessere Frage ist doch: „Was passiert jetzt in dir, wenn du daran denkst?“ Wenn ein Gefühl hochkommt, dann schaut man sich an, was du brauchst, dass du dich wieder sicher fühlst. Wir wühlen nicht, wir stabilisieren dich im Hier und Jetzt und holen dich aus alten Schleifen.
Wenn dich das berührt hat, können wir sprechen.
Von Herzen,
Nadine
info@NadineNeumayer.online
Wissenschaftliche Quellen (Auswahl)
- Loftus, E. F. (2005). Planting misinformation in the human mind. Learning & Memory, 12(4), 361–366.
- Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of automobile destruction. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13(5), 585–589.
- Schacter, D. L. (1999). The seven sins of memory. American Psychologist, 54(3), 182–203.
- McNally, R. J. (2003). Remembering trauma. Harvard University Press.
- Brewin, C. R., Andrews, B., & Valentine, J. D. (2000). Meta-analysis of risk factors for PTSD. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 68(5), 748–766.


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